Mag. Lukas Cioni
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miteinander-Magazin
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Diskurs der Vernunft: Das Bloggerteam von y-nachten.de setzt mit ihren kritischen Beiträgen zu Theologie und Glauben Kontrapunkte. |
„Maria feminista: Symbol der Unterdrückung oder der Befreiung?“, „Who the f*ck is Petrus?“, „Erlöst is the new sexy“ und „Oh Happy Pride. Evangelium und CSD“ sind nur wenige Beispiele für Titel von Blogposts, die im vergangenen Jahr auf der Website „y-nachten.de“ erschienen sind. Vor gut zwei Jahren wurde der Blog in Freiburg von jungen Theologinnen und Theologen als Plattform, die es allem voran Nachwuchswissenschaftlern ermöglichen möchte, religiöse Themen aus den verschiedensten Blickwinkeln heraus zu diskutieren, ins Leben gerufen.
Diesem Anliegen liegt die Feststellung zugrunde, dass sich die weit verbreitete Annahme eines gesellschaftlichen Desinteresses an Religion(en) bei genauerem Hinsehen vor allem als Vorurteil herausstellt: Menschen haben stets ihr Mensch-Sein, ihr Suchen nach einem Woher und Wohin, ihr Fragen nach einem guten und gelingenden Leben verhandelt und tun dies bis heute. Weggebrochen ist indes die Fixierung auf die Kirchen als Garant einer Ordnung, die ebendiese Fragen letztgültig zu beantworten vermag.
![]() Autorennotiz: Annika Schmitz studierte katholische Theologie in Freiburg, Jerusalem und an der Yale University/USA. Zurzeit promoviert sie als Stipendiatin des Cusanuswerks an der Universität Wien im Bereich Literatur und Theologie und ist Mitglied der Redaktion von y-nachten.de.
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Anknüpfungspunkte finden
Theologie, die sich als sprachfähig erweisen möchte, muss dort ansetzen, wo Anthropologie debattiert wird. Anknüpfungspunkte finden sich dabei vor allem im Bereich des Gesellschaftspolitischen, des Sozialen und des Kulturellen. In der Auseinandersetzung mit diesen Gebieten hängt vieles an der Sprache und am Stil. Die deutschsprachige Wissenschaft klebt stilistisch nach wie vor am Satzbau eines hegelschen Konstrukts. Dass es auch anders geht, beweist vor allem der englischsprachige Raum in Form von Essays, die argumentativ stringent und dennoch pointiert und kurzweilig sind.
Die essayistische Form, ihre öffentliche Zugänglichkeit im digitalen Raum, die Verwendung von Hashtags und die Einbeziehung von Social Media ist Teil der Ausrichtung von „y-nachten.de“, zu der sich die inhaltliche Komponente hinzugesellt. Die gesamte Redaktion und viele Autorinnen und Autoren gehören nicht nur der römisch-katholischen Kirche, sondern auch der „Generation Y“ an, die „keine Normen akzeptiert, deren Letztbegründung sie nicht so restlos überzeugt, dass sie sich diese selbst hätte ausdenken können“, wie es auf der Website heißt.
Raus aus dem Elfenbeinturm
Der Anspruch ist es, wissenschaftlich verantwortlich und gerade deswegen kritisch auf die heutige Theologie und Kirche mit ihren Narrativen zu blicken. Die Deutungshoheit darf nicht bei Rom, sondern muss beim besseren Argument liegen. Was heute über Gott noch aussagbar ist, bestimmt nicht der binnenkirchliche und von einem Lehramt abhängige Diskurs, sondern wird gesamtgesellschaftlich diskutiert und muss schlussendlich vor dem Forum der Vernunft standhalten können. Ort des Diskurses ist somit nicht primär der theologische Elfenbeinturm. Theologisch Essenzielles findet sich gerade in Filmen und Serien, in der Musik und Literatur oder in der Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftsdisziplinen. Die Theologie geht somit als Lernende in die Debatte hinein, was zugleich die Bereitschaft bedeuten muss, im Zweifelsfall die eigenen Aussagen zu revidieren und zu reformulieren. Um überhaupt über Gott sprechen zu können, muss sie sich radikal auf die Moderne einlassen.
Ob „y-nachten.de“ mit diesem Verständnis von Theologie auch prophetisch ist? Um das zu beurteilen, müsste ich erst einmal, ganz im Sinne meiner Redaktion, kritisch hinterfragen, was Prophetie heute eigentlich bedeuten kann …