Mag. Lukas Cioni
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miteinander-Magazin
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Wohin geht der Weg? Propheten wissen oft die Antwort auf diese Frage. Wir könnten auf sie hören, wenn wir dies denn wollen. |
Das Neue Testament geht ganz selbstverständlich davon aus, dass Christsein und Prophetie zusammengehören. Jesus selbst wurde von seinen Zeitgenossen in der Tradition der Propheten gesehen. Prophetie ist eine Eigenschaft des ganzen Gottesvolkes. Ausdrücklich wird die Erfahrung des Heiligen Geistes mit der Weissagung aus dem Buch Joel verbunden: “Danach aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben, und eure jungen Leute haben Visionen” (Joel 3,26).
Umso mehr verwundert, dass Prophetie scheinbar ganz aus der alltäglichen Praxis der Kirche ausgewandert ist. „Ich bin doch kein Prophet“, sagen wir, um auszudrücken, dass wir etwas nicht wissen können. „Doch!“ sagt dagegen die Taufe: jeder Christ ist dazu mit Chrisam gesalbt. Ein Prophet ist zuerst derjenige, der auf Gottes Wort hinhört, lauscht, achtsam ist. Modern würden wir sagen, ein Prophet ist ein Spiritueller, ein Gottsucher.
![]() Autorennotiz: Dr. Peter Hundertmark leitet im Bistum Speyer das Referat für spirituelle Bildung, ist langjähriger Exerzitienbegleiter und Autor.
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Atemloses Horchen
Der Christ, die Christin ist jedoch nicht Endstation der Mitteilung Gottes, empfängt nicht für sich selbst. Wie die Brunnenschale geben sie, was sich in ihnen gesammelt hat: Erfahrung mit Gottes Zuwendung, Erfahrungen mit tastender Suche und atemlosem Horchen, mit Verlust und gefunden werden. Propheten reden von dem, was sie empfangen haben. Sie sagen es in eigenen Worten und mit den Möglichkeiten ihrer Zeit, aber sie sagen Worte Gottes für ihre Mitmenschen.
Damit das aber nicht banal ist, gehört zum Prophetentum der klare Blick für die Bedingungen und Zusammenhänge: Propheten sehen, verstehen und wissen aus ihrer Erfahrung mit Gott zu deuten, was um sie herum geschieht. Die „Zeichen der Zeit“ lesen, nennt es das letzte Konzil. Das macht sie nicht beliebt, aber ihr Prophetentum ist nicht beliebig. Es ist auf sie gelegt. Sie müssen reden. Sie müssen Missstände anprangern. Sie müssen den Finger in die Wunde legen.
Gemeinsames Prophetentum
Das Prophetentum der Christen ist ein gemeinsames Prophetentum. Denn erst im Konzert der Meinungen und Erfahrungen schwingt sich das Leitmotiv des prophetischen Wortes aus der Vielstimmigkeit auf. Die Basis des gemeinsamen Prophetentums ist deshalb der offene Dialog, der Austausch auf Augenhöhe, das Glaubensgespräch unter Glaubensgeschwistern. Dieser Dialog umfasst dabei virtuell alle lebenden Christinnen und Christen.
Der Glaubenssinn jedes Einzelnen bezieht sich nicht nur auf theologische Überzeugungen, sondern auch auf das prophetische Wort in die Gesellschaft hinein. Wenn Christinnen und Christen überall und immer dafür einstehen, dass jedes menschliche Leben, jede Frau und jeder Mann, Würde und Wert von Gott her besitzt, dann können sie darin nicht irren, auch wenn ihnen dieses prophetische Wort nicht selten übel angekreidet wird. Das Schicksal der Propheten ist keineswegs nur Vergangenheit.