Jenseits von Wut und Böse
Von Chefredakteur Henning Klingen
Jenseits von Wut und Böse

Von Chefredakteur Henning Klingen

 

Jenseits von Wut und Böse

 

Als Jugendlicher war ich ein echter Zornbinkel. Auf dem Tennisplatz, auf dem ich einen Großteil meiner Jugend verbracht habe, konnte ich regelrecht explodieren, wenn’s mal nicht lief. Dann flogen Schläger und Flüche quollen mir unkontrolliert aus dem Mund. Heute können mich andere Situationen zur Weißglut bringen. Zum Beispiel meine Kinder. Nachts zwischen drei und fünf Uhr sind Empathie und Verständnis einfach enden wollend und der Geduldsfaden sehr dünn …

 

Mich beruhigt dabei, dass ich Ähnliches auch von anderen Eltern höre. Offenbar gibt es kaum etwas, das einen so sehr auf die Palme bringt, wie jene, die man am meisten liebt. Insofern kann man wohl bei diesen Herzensregungen ohne Scheu von „heiligem Zorn“ sprechen, ist es doch die Liebe, die ihn provoziert und zugleich einhegt. Unheilig wäre indes ein Zorn, der sich tatsächlich gegen den anderen richtet, der zu blinder Wut, ja zu Hass zu werden droht, wo ihn nicht Liebe und Sorge einhegen.

 

Auf den Punkt gebracht und politisch gewendet wird dies im Begriff der „Wutbürger“. Tatsächlich nämlich geschieht derzeit genau dies: Wut wird entfesselt – manchmal brutal, blind und zügellos. Das ist der Traum der Antidemokraten; jener Parteien, deren rechter Sirenengesang derzeit durch Europa schallt. Denn der im wahrsten Sinne lieb-lose „Volkszorn“ ist so wunderbar unpolitisch. Ob Asylwerber, Migranten oder vermeintliche „Sozialschmarotzer“: Keiner ist vor ihm sicher, wenn er aus dem Rahmen fällt – kulturell, politisch oder religiös.

 

Angesichts dessen sollte man sich vor Augen führen, dass Kultur – politisch wie persönlich – etwas mit Kultivieren zu tun hat. Und ein Feld zu kultivieren kostet Kraft, ist harte Arbeit. Auch Kultur ist nicht umsonst zu haben. Sie kostet Selbstbeherrschung und Liebe. Entfesselte Wut ist daher auch nicht der Motor der Politik, sondern deren Ende. Wobei Empörung gewiss einen Wert hat, wie es schon Thomas von Aquin in einer wundervollen Wendung auf den Punkt gebracht hat: „Mit größerer Wucht stellt sich die Vernunft dem Bösen entgegen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.“

 

Zorn und Wut bleiben somit ambivalent, ja prekär. Sie zu unterdrücken ist ebenso kontraproduktiv, wie sie ungezügelt aufbrechen zu lassen. Das gilt für die Politik, die Gesellschaft, für den Tennisplatz – und wohl auch für die eigenen vier Wände, nachts um drei, wenn die Kinder schreien …

Wachsen
Aus dem Seitenschiff
Kolumne von Dr. Georg Plank
Wachsen
Aus dem Seitenschiff

Kolumne von Dr. Georg Plank

Wachsen

 

 

Ob bei Vorträgen, Seminaren oder bei der Gemeindevitalisierung: Bei uns geht es oft um das Thema Wachsen bzw. Wachstum. Dafür werden wir heftig kritisiert. Organisationsberater sagen: Es ist schon viel erreicht, wenn statt Rückbau ein vernünftiger Umbau geschieht. Pfarrer und Bischöfe denken sich: Klingt ja toll, aber ist das realistisch? Theologen kritisieren: Ihr verweigert euch der pluralen Postmoderne.

 

 

Oft frage ich bei Veranstaltungen: Wer hat Wachstum in der Kirche erlebt? Überraschenderweise melden sich oft ein Drittel der Anwesenden. Meine Empfehlung lautet dann: Tauscht euch aus, um zu entdecken, woran es liegt, dass Gottes Verheißung vom Wachsen auch heute Wirklichkeit werden kann. Bei einem Workshop über Scheitern meinte der Referent: Uns fällt das Eingeständnis von Scheitern so schwer, weil die Bibel durchgehend Erfolge verheißt, qualitativ und quantitativ.

 

 

In der Bibel, aber auch in der Geschichte der Kirchen und der Gesellschaft insgesamt, zeigt sich eine wichtige Spur zum Wachstum: Oft stehen Scheitern, Krisen und Opfer vor der Wachstumsphase. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt …“, das gilt für religiöse Bereiche genauso wie für profane Innovationen, für geistige Prozesse wie für strukturelle Veränderungen. Diese Phasen kann man systematisch lernen und dann aktiv gestalten.

 

Georg Plank

PASTORALINNOVATION

www.pastoralinnovation.at

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Themen & Schwerpunkte

Wenn der Geist sich langsam verabschiedet

Mit dem Gedächtnisverlust scheint bei Demenzkranken auch ihre Identität verloren zu gehen. Für die Angehörigen ist das sehr schwer.

 

Es passiert regelmäßig: Rudolf Auzinger büchst aus, macht sich zu Fuß auf den Weg oder nimmt die Straßenbahn – ohne Geld und ohne Fahrschein. Der Weg vom Seniorenwohnheim in sein früheres Zuhause macht ihm trotz stark fortgeschrittener Demenz keine Probleme, hat er sich doch tief in sein Langzeitgedächtnis eingeprägt. „Er hat diesen Drang nach Hause und will immer wieder nachschauen gehen“, deutet seine Tochter Andrea Guggenberger die Ausflüge ihres Vaters.

Ein Herzinfarkt löste vor dreizehn Jahren beim heute 83-jährigen Linzer die Demenzerkrankung aus. Konnte er anfangs noch Ausflüge machen und Essen gehen, von sich aus eine Unterhaltung beginnen, so verschlechterte sich sein Zustand mit den Jahren. „Am Schluss ist er den ganzen Tag im Lehnstuhl gesessen und hat zehnmal dieselbe Zeitung gelesen“, erzählt seine Tochter. Auzingers Frau, die ihren Mann zu Hause gepflegt hat, fiel der Umgang mit der Krankheit schwer. „Sie hat sich nie mit der Krankheit auseinandergesetzt“, schildert Guggenberger. Als die Situation zu Hause immer schwieriger wurde, fand sich ein Platz im Seniorenwohnhaus Karl Borromäus der Caritas im Zentrum von Linz. Neunzehn Menschen mit Demenz werden dort auf einer eigenen Station betreut. Beschäftigungsangebote wie Basteln, Arbeit im Garten oder Gedächtnistraining stehen den Bewohnern zur Verfügung. Rudolf Auzinger fühlt sich hier wohl, sagt seine Tochter.

 

Erinnerungsanker finden

Der schrittweise Abschied von ihrem Vater, wie er früher war, war für Guggenberger sehr schwierig. „Er hat jetzt seine eigene Welt. Er ist nicht mehr mein Vater, wie ich ihn gekannt habe.“ Sie hat gelernt, mit der Krankheit und ihren Folgen umzugehen. Sie widerspricht ihm nicht und redet mit ihm vor allem über die Vergangenheit. „Er weiß noch alles: Welche Urlaube er gemacht hat, welche Länder er bereist hat.“ An Einzelheiten und Erlebnisse aus jungen Jahren erinnere sich der Vater noch genau, das Kurzzeitgedächtnis hingegen funktioniere gar nicht mehr.

Claudia Danmair, Wohnbereichsleitern der Demenzstation im Seniorenwohnhaus Karl Borromäus, erlebt, wie schlecht es Angehörigen gehen kann, wenn sie vom Demenzkranken nicht mehr erkannt werden. Wenn vieles von dem, was ihn früher ausgemacht hat, verloren zu gehen scheint und der Kranke seinen engsten Angehörigen gegenüber ungehalten reagiert. „Ganz wichtig ist: Es nicht persönlich nehmen und wirklich als Krankheit sehen.“ Um Zugang zum Kranken zu bekommen, macht sich Danmair gemeinsam mit ihren Mitarbeitern und Angehörigen auf die Suche nach dem, was tief in der Erinnerung des Demenzkranken verankert ist. „Wir versuchen, die Erinnerungen zu stärken und den Identitätsverlust so hinauszuzögern“, erklärt Danmair. Alte Fotos, der Lieblingspolster von zu Hause, ein Musikstück oder ein bestimmter Geruch würden alte Erinnerungen wecken und Emotionen auslösen. „Der Kranke kann sich darüber sehr freuen oder aber er beginnt zu weinen. Das ist aber auch gut, wenn er das rauslässt.“ Ein wichtiger Grundsatz in der Pflege von Demenzkranken: Das, was der Kranke noch selbst machen kann, soll er auch tun. Denn Erfolgserlebnisse – wie etwa sich selbst das Gesicht waschen können – würden der Erfahrung von Hilflosigkeit und Sinnlosigkeit entgegenwirken.

 

Ausflug ins Café

„Da kommt meine Prinzessin!“, begrüßt Rudolf Auzinger seine Tochter, wenn sie ihn im Seniorenwohnheim besucht. Er liebt es, zu zeichnen, und zeigt ihr seine Malbücher. „Jeder Besuch ist gleich: Wir reden nur von früher und er fragt immer, wie es meiner Familie geht.“ Hin und wieder spazieren die beiden durch die Linzer Innenstadt und gehen – wie früher – in ein Café. Wie viel Freude ihm das macht, merkt Guggenberger daran, dass ihr Vater sich mit dem Kaffeetrinken viel Zeit lässt. „Im Heim trinkt er seinen Kaffee in zwei Minuten, hier sitzt er und beobachtet die Leute lange. Und gelegentlich fängt er sogar von sich aus eine Unterhaltung an.“

Sandra Lobnig

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe November/Dezember 2017

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