• Ausgabe 3-4/2019

    Moderne Propheten

Dem Rad in die Speichen fallen
Von Chefredakteur Henning Klingen
Dem Rad in die Speichen fallen

Von Chefredakteur Henning Klingen

 

Als wir vor 15 Jahren heirateten, wählten meine Frau und ich ein eher ungewöhnliches Zitat als Motto für die Trauung: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich”. Mit diesen Worten wendet sich Gott im Alten Testament an den Propheten Elija, der sich unter einem Strauch liegend den Tod wünscht. Denn er hat seinen prophetischen Auftrag erfüllt, aber Gott hat ihn im Stich gelassen. Bis ihn ein Engel anrührt und ihn auf sehr weltliche Weise, nämlich mit Brot und Wasser, stärkt. Elija macht weiter – allem Zweifel zum Trotz.

 

Bei der Trauung ging es uns nicht um die Prophetengeschichte – es ging um die unbedingte Verwiesenheit aufeinander: Gemeinsam als Ehepaar, denn „sonst ist der Weg zu weit für dich” allein. Doch auch dies hat gewissermaßen „prophetischen Charakter“: Denn in einem radikal weltlichen Alltag kann die Verwiesenheit aufeinander, das unbedingte Angewiesensein auf den Nächsten, eine Antwort auf die Leerstelle bieten, die Elija und wohl viele Menschen empfinden: die Leerstelle eines abwesenden Gottes.

 

Szenenwechsel: Im Dezember 2018 betritt ein zierliches 15-jähriges Mädchen die Bühne der Weltöffentlichkeit. In einer kurzen Rede bei der UN-Klimakonferenz in Katowice liest Greta Thunberg den Delegierten gehörig die Leviten: „Ihr seid nicht erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen“. Die Wahrheit wäre, dass die Welt auf eine Klimakatastrophe zurast und die Politik die Zukunft kommender Generationen verspielen. Prophetische Kraft enthielt dieser Moment, da er so unerwartet kam – aus heiterem Himmel, aus dem Mund eines Teenagers – und da er die öffentliche Debatte über den Klimawandel weit mehr bewegte als das Abschlusspapier der Konferenz.

 

Es braucht solche prophetischen Stimmen, die in kein Schema passen; die mit entwaffnender Leichtigkeit der Welt den Spiegel vorhalten und damit unsere eingespielten Prozesse unterbrechen. Stimmen, die dem Rad in die Speichen fallen und die mit Empathie und Mitleidenschaft der Gleichgültigkeit entgegentreten.. Das kostet Kraft – und entsprechend oft sind Propheten der Verzweiflung nahe. So wie Greta Thunberg, die in eine Depression schlitterte. Oder wie der Prophet Elija, der sich gar den Tod wünschte. Hoffen wir, dass es genügend Engel gibt, die ihnen auf die Schulter klopfen und sagen: „Steht auf und esst – sonst ist der Weg zu weit für euch“.

"Verpestet ist ein ganzes Land ...
... wo schleicht herum der Denunziant"
Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl
"Verpestet ist ein ganzes Land ...
... wo schleicht herum der Denunziant"

Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl

Die Verpester unserer Welt

 

Im Dogenpalast in Venedig gibt es das sogenannte „Löwenmaul“. Denunzianten, die es schon immer gab, konnten früher hier Anschuldigungen oder sonstige Gerüchte anonym einwerfen. Heute braucht es kein „Löwenmaul“, um falsche Beschuldigungen in Umlauf zu bringen. Heute bedient man sich dafür der sozialen Netzwerke und der Medien. Man denunziert auch nicht, sondern bringt Fake News in die Öffentlichkeit.

Eigentlich ist es egal wie man dieses Handeln aus niedrigen Beweggründen nennt – der Effekt ist der gleiche. Man kann auf diese Weise den Ruf eines Menschen ruinieren, diesen fertigmachen ohne ihm Gelegenheit zu einer Gegendarstellung zu geben. Man kann damit Gerüchte in die Welt setzen, die jeder Wahrheit entbehren. Und man kann damit vor allem die öffentliche Meinung nachhaltig manipulieren.

Wenn ich diese gesellschaftliche Entwicklung so aus meinem „Seitenschiff“ beobachte, wird mir angst und bange. Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt? Der Denunzierung bediente man sich in Diktaturen, um jemanden zum eigenen Vorteil aus dem Weg zu räumen. Unschuldige Menschen kamen in Straflager oder verloren sogar ihr Leben. Das hat man in den westlichen Demokratien zwar nicht zu befürchten, aber dafür gibt es heute andere Methoden um einen Menschen zu vernichten.

Die Anfangszeile eines 1884 in einer Satirezeitschrift erschienenen Verses lautet: Verpestet ist ein ganzes Land, wo schleicht herum der Denunziant. Die Verpester schleichen heute nicht herum, sondern sind ganz ungeniert unterwegs.

 

Ingeborg Schödl

Redaktion "miteinander"
Mag. Elisabeth Mayr

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Themen & Schwerpunkte

Diagnose Demenz: Leben im Fragment

Die Diagnose Demenz ist für Betroffene wie für Angehörige ein harter Schlag. Wie damit umgehen, wenn ein Mensch langsam „verschwindet“?

 

 

 

Mens, mentis: Im Latein-Wörterbuch finden sich eine Reihe von Bedeutungen für dieses Wort. Denkvermögen, Verstand, Überlegung, Einsicht, Besinnung, Gesinnung, Charakter, Gewissen, Mut, Leidenschaft. Im übertragenen Sinn wird es auch für Seele und Geist verwendet. In einem Demenz-Prozess gehen über einen oft langen Zeitraum immer mehr der hier benannten menschlichen Fähigkeiten verloren. Das wird mit dem Begriff Demenz recht treffend beschrieben. Dieser Vorgang ist sehr schmerzlich für den Menschen, den er betrifft, und für alle, die ihn oder sie lieben.

 

Seit Jahren ist Demenz ein öffentliches Thema, das für Katastrophenmeldungen gut ist, wenn über steigende Fallzahlen und explodierende Kosten gesprochen wird, aber auch wenn tragische Schicksale öffentlich breitgetreten werden. Dagegen hat sich eine Bewegung gebildet, die seriös über das Thema und die Möglichkeiten eines positiven Umgangs damit informieren möchte und für bessere Lebensmöglichkeiten für Betroffene kämpft. An dieser Bewegung beteiligt sind viele (Selbsthilfe-)Gruppen und Personen. Es wird geforscht und um die richtigen Konzepte gestritten und auch für die Kirchen ist Demenz ein Thema geworden.

 

„Demenzfreundliche Bezirke“

Vor bald zehn Jahren konnte ich in Berlin das „Geistliche Zentrum für Menschen und Demenz und ihre Angehörigen“ besuchen, wo damals schon neben zahlreichen anderen Aktivitäten „Gottesdienste für Menschen mit Demenz, deren Angehörige und die ganze Gemeinde“ gefeiert wurden. Und zwar nicht irgendwann unter der Woche, sondern im Rahmen des Hauptgottesdienstes der Gemeinde am Sonntag. Die CS Caritas Socialis hat in Wien mit einem engagierten Demenz-Projekt den Anstoß zur Initiative „demenzfreundliche Bezirke“ gegeben. Begonnen hat es im 3. Bezirk. Jetzt haben sich auch im 9., 13. und 23. Bezirk verschiedenste Akteure aus Politik, Zivilgesellschaft und Kirchen dem Anliegen angeschlossen.

 

Eine Besonderheit, von der ich bei meinem Besuch in Berlin erfahren habe, war, dass die Gottesdienste nicht auf Initiative der (evangelischen) Kirche entstanden sind, sondern angeregt wurden aus Kreisen der Hauskrankenpflege, wo aufgefallen ist, wie schmerzlich für viele alte Menschen der Verlust ihrer Verbindung zur Kirchengemeinde ist. Dieser von außen kommende Impuls macht deutlich, wie zentral das Thema für eine Kirche ist, die von sich sagt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ (Gaudium et Spes 1)

 

Leben in Zerbrechlichkeit

Das ernst zu nehmen, macht es notwendig, Menschen mit Demenz und ihre Familien nicht an den Rand zu drängen, sondern in die Mitte zu holen. Und das bedeutet auch, sie nicht als bemitleidenswert zu stigmatisieren, sondern auch danach zu fragen, was sie der Kirche und unserer Gesellschaft zu sagen haben. Menschen mit Demenz helfen, Mensch-Sein in seiner fundamentalen Zerbrechlichkeit zu verstehen und auch den Gott, der sich zerbrechen lässt am Kreuz und im gebrochenen Brot zerbrechliche Gegenwart wird.

 

Im Buch des österreichischen Autors Arno Geigers über seinen Vater, „Der alte König in seinem Exil“, gibt es einen Abschnitt über den Wunsch, den sein Vater, wie viele an Demenz Leidende, immer wieder äußert: „Ich will nach Hause!“ Am Schluss dieses wunderbaren, teils humorvollen Abschnitts zeigt Geiger, wie Menschen mit Demenz, die vieles verloren haben, oft die Fähigkeit gewinnen, Wesentliches ganz tief zu empfinden und auszudrücken: „Spontan vollzog der Vater, was die Menschheit vollzogen hatte: Als Heilmittel gegen ein erschreckendes, nicht zu enträtselndes Leben hatte er einen Ort bezeichnet, an dem Geborgenheit möglich würde, wenn er ihn erreichte. Diesen Ort des Trostes nannte der Vater Zuhause, der Gläubige nennt ihn Himmelreich.“ (S. 56)

 

 

Franz Josef Zessner-Spitzenberg

 

 

Dr. Franz Zessner ist Seelsorger und Leiter der Sozial-Pastoralen Dienste der Caritas Socialis in Wien.

 

 

 

 

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2017 | Ausgabe November/Dezember 2017

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