Dem Rad in die Speichen fallen
Von Chefredakteur Henning Klingen
Dem Rad in die Speichen fallen

Von Chefredakteur Henning Klingen

 

Als wir vor 15 Jahren heirateten, wählten meine Frau und ich ein eher ungewöhnliches Zitat als Motto für die Trauung: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich”. Mit diesen Worten wendet sich Gott im Alten Testament an den Propheten Elija, der sich unter einem Strauch liegend den Tod wünscht. Denn er hat seinen prophetischen Auftrag erfüllt, aber Gott hat ihn im Stich gelassen. Bis ihn ein Engel anrührt und ihn auf sehr weltliche Weise, nämlich mit Brot und Wasser, stärkt. Elija macht weiter – allem Zweifel zum Trotz.

 

Bei der Trauung ging es uns nicht um die Prophetengeschichte – es ging um die unbedingte Verwiesenheit aufeinander: Gemeinsam als Ehepaar, denn „sonst ist der Weg zu weit für dich” allein. Doch auch dies hat gewissermaßen „prophetischen Charakter“: Denn in einem radikal weltlichen Alltag kann die Verwiesenheit aufeinander, das unbedingte Angewiesensein auf den Nächsten, eine Antwort auf die Leerstelle bieten, die Elija und wohl viele Menschen empfinden: die Leerstelle eines abwesenden Gottes.

 

Szenenwechsel: Im Dezember 2018 betritt ein zierliches 15-jähriges Mädchen die Bühne der Weltöffentlichkeit. In einer kurzen Rede bei der UN-Klimakonferenz in Katowice liest Greta Thunberg den Delegierten gehörig die Leviten: „Ihr seid nicht erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen“. Die Wahrheit wäre, dass die Welt auf eine Klimakatastrophe zurast und die Politik die Zukunft kommender Generationen verspielen. Prophetische Kraft enthielt dieser Moment, da er so unerwartet kam – aus heiterem Himmel, aus dem Mund eines Teenagers – und da er die öffentliche Debatte über den Klimawandel weit mehr bewegte als das Abschlusspapier der Konferenz.

 

Es braucht solche prophetischen Stimmen, die in kein Schema passen; die mit entwaffnender Leichtigkeit der Welt den Spiegel vorhalten und damit unsere eingespielten Prozesse unterbrechen. Stimmen, die dem Rad in die Speichen fallen und die mit Empathie und Mitleidenschaft der Gleichgültigkeit entgegentreten.. Das kostet Kraft – und entsprechend oft sind Propheten der Verzweiflung nahe. So wie Greta Thunberg, die in eine Depression schlitterte. Oder wie der Prophet Elija, der sich gar den Tod wünschte. Hoffen wir, dass es genügend Engel gibt, die ihnen auf die Schulter klopfen und sagen: „Steht auf und esst – sonst ist der Weg zu weit für euch“.

"Verpestet ist ein ganzes Land ...
... wo schleicht herum der Denunziant"
Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl
"Verpestet ist ein ganzes Land ...
... wo schleicht herum der Denunziant"

Kolumne von Prof. Ingeborg Schödl

Die Verpester unserer Welt

 

Im Dogenpalast in Venedig gibt es das sogenannte „Löwenmaul“. Denunzianten, die es schon immer gab, konnten früher hier Anschuldigungen oder sonstige Gerüchte anonym einwerfen. Heute braucht es kein „Löwenmaul“, um falsche Beschuldigungen in Umlauf zu bringen. Heute bedient man sich dafür der sozialen Netzwerke und der Medien. Man denunziert auch nicht, sondern bringt Fake News in die Öffentlichkeit.

Eigentlich ist es egal wie man dieses Handeln aus niedrigen Beweggründen nennt – der Effekt ist der gleiche. Man kann auf diese Weise den Ruf eines Menschen ruinieren, diesen fertigmachen ohne ihm Gelegenheit zu einer Gegendarstellung zu geben. Man kann damit Gerüchte in die Welt setzen, die jeder Wahrheit entbehren. Und man kann damit vor allem die öffentliche Meinung nachhaltig manipulieren.

Wenn ich diese gesellschaftliche Entwicklung so aus meinem „Seitenschiff“ beobachte, wird mir angst und bange. Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt? Der Denunzierung bediente man sich in Diktaturen, um jemanden zum eigenen Vorteil aus dem Weg zu räumen. Unschuldige Menschen kamen in Straflager oder verloren sogar ihr Leben. Das hat man in den westlichen Demokratien zwar nicht zu befürchten, aber dafür gibt es heute andere Methoden um einen Menschen zu vernichten.

Die Anfangszeile eines 1884 in einer Satirezeitschrift erschienenen Verses lautet: Verpestet ist ein ganzes Land, wo schleicht herum der Denunziant. Die Verpester schleichen heute nicht herum, sondern sind ganz ungeniert unterwegs.

 

Ingeborg Schödl

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Mag. Elisabeth Mayr

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Themen & Schwerpunkte

Wie modern ist der Prophet Mohammed?

Mohammed gilt im Islam als Prophet und Gesandter Gottes. Der historisch-kritische Blick auf die wenigen biografischen Quellen zeigt, dass er tatsächlich als moderner Prophet bezeichnet werden kann.

 

Propheten gelten im Islam als Menschen, die durch Inspiration zur Verkündigung von Gottes Botschaft berufen werden. Sie fühlen sich dadurch bewegt, eine göttliche Anweisung, Ermahnung, Warnung oder Vorhersage an die Mitglieder ihrer Gemeinschaft weiterzugeben. Prophetie umfasst daher vier Komponenten: eine transzendentale Quelle, eine göttliche Nachricht, einen menschlichen Verkünder und ein Publikum. Und so stellen Propheten nach islamischer Auffassung eine Brücke zwischen dem Göttlichen und der Menschheit dar.

 

 

Schwierige Quellenlage

Leider wissen wir sehr wenig über Details des Lebens und Wirkens Mohammeds. Grund dafür ist, dass viele Details seiner Biografie erst mehrere Generationen nach seinem Tod festgehalten wurden. Der bekannteste Biograf des Propheten ist Ibn Ishāq (gestorben um 767), dessen Prophetenbiografie uns nicht direkt erreicht hat, sondern durch Ibn Hishām (gestorben um 833) überliefert ist, der die Biografie allerdings nicht direkt von Ibn Ishāq, sondern von einem seiner Schüler übermittelt bekommen hat. Ibn Ishāq selbst ist in der islamischen Tradition nicht unumstritten, so bezeichneten ihn einige seiner zeitgenössischen Gelehrten als unglaubwürdig. Ibn Ishāq wie einige andere neigten dazu, das Leben des Propheten Mohammed zu glorifizieren, und zwar gemäß ihrer eigenen Ideale, und so neigten sie gerade, wenn es um Krieg oder um Männlichkeitssymbole ging, stark zu Übertreibungen. Ibn Ishāq stand damit in der literarischen Tradition der sogenannten „Welt-Chroniken“, die die Geschichte weiterhin als Eroberungsgeschichte interpretierten.

 

 

Autorennotiz:

Dr. Mouhanad Khorchide ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

 

 

 

Viele muslimische Gelehrte berufen sich heute auf die koranische Bestimmung der Verkündung Muhammads, die lautet: „Wir [Gott] haben dich [Muhammad] lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt“ (Q 21:107). Diese Schlüsselaussage des Korans gilt als Maxime, die für Muslime als klare Orientierung für jede Lesart der Biografie und des Schaffens Mohammeds dient. Sein Schaffen muss allerdings im Kontext seiner Verkündigung im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel verortet werden. Wenn er zum Beispiel verkündet hat, dass die Töchter nur die Hälfte von dem erben, was die Brüder erben (Koran 4:11), dann war dies für die damalige Situation ein Fortschritt, der das Subjekt-Sein der Frau betont, die bis dahin in dieser patriarchalischen Stammesgesellschaft nichts erben durfte. Einige Freunde Mohammeds haben sogar diese Zusage an die Frauen, Erbanteile zu bekommen, mit der Begründung abgelehnt, dies würde die gesellschaftliche Strukturen auf den Kopf stellen.

 

 

Den Propheten weiterdenken

Würden Muslime heute bei diesem ersten Schritt des 7. Jahrhunderts stehenbleiben, dann machen sie aus Mohammed einen rückschrittlichen Propheten, der Frauen diskriminiert; verorten Muslime ihn hingegen in seinem historischen Kontext und verstehen seine Verkündigung als unabgeschlossenen Anstoß zum Wandel in Richtung der Würdigung des Menschen als selbstbestimmten Akteur in der Geschichte, dann würden sie nicht den Anspruch stellen, sein damaliges Handeln ins Hier und Jetzt übertragen zu wollen, sondern dieses Handeln fortzudenken und weiterzuentwickeln. Nur dann können wir sagen, dass Mohammed für uns heute ein moderner Prophet ist.

 

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