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Im Rausch

Berauschende Entrückung

Um mystische Erfahrungen hervorzurufen, greifen viele Religionen auch auf psychoaktive Substanzen zurück; andere üben sich in Askese. Gibt es ein „richtig“ oder „falsch“ mystischer Erfahrung?

Von Dr. Hans Gerald HÖDL| miteinander 1-2/2020

 

Whirling dervish,Salt Lake

Der Derwischtanz ist ein Gebet, ein Gebet an Allah.

 

Religionen bieten außeralltäglichen Bewusstseinszuständen reichlich Raum, sei es in mystischer Versenkung, meditativer Leere oder in Erfahrungen des Außer-sich-Seins und der Besessenheit durch Geister und Gottheiten. Die beiden letztgenannten Phänomene können wir unter dem Begriff der Ekstase subsumieren: Erstens als Heraustreten aus sich selbst – etwa in der schamanischen Reise oder in Himmelsreisen, wie sie in vielen Religionen, beispielsweise in der frühen jüdischen Mystik, in Mohammads Himmelfahrt oder in mittelalterlicher Visionsliteratur zumindest literarisch belegt sind; dem steht zweitens die Ablösung des Ich/eines Seelenanteils infolge der Inbesitznahme durch eine Gottheit gegenüber, wie wir sie im „hochkulturlichen Besessenheitsschamanismus“ (Klaus E. Müller), z. B. in Japan, Korea und Tibet, oder auch in Westafrika (Vodu, Orisha-Kulte der Yorùbá), im zentralen Sudan (Zar-Kult) oder in afroamerikanischen Religionen (z. B. Candomblé in Brasilien oder kubanische Santería) finden.

 

Diese Abweichungen vom Alltagsbewusstsein können spontan auftreten oder durch tranceinduzierende Techniken wie Trommeln, Tanzen, aber auch mittels Einnahme psychoaktiver Substanzen hervorgerufen werden. Wird die schamanische Trance oft durch gleichmäßiges Trommeln herbeigeführt, sind von islamischen Sufis Tänze als tranceinduzierend belegt.

 

Zwischen Askese und Rausch

 

Man kann sich natürlich fragen, ob man nur im Fall des Drogengebrauchs von „Rausch“ sprechen kann. Jedenfalls sind sich die Religionen uneinig darüber, wie der Mensch mit berauschenden Substanzen umzugehen habe. Herrscht in asketischen Bewegungen oft eine Ablehnung drogeninduzierter Zustände, kennen wir auch den Gebrauch berauschender Substanzen auf religiösem Gebiet. Lehnt der Islam prinzipiell den Genuss vergorener Getränke ab, so ist der Konsum von Cannabis zumindest für die schiitische Gruppe der Assassinen belegt (11. Jh.), um das Paradies zu erblicken, bevor man im „heiligen Krieg“ den Tod findet.

 

Lehnen Buddhisten den Gebrauch berauschender Mittel ab, findet sich die rituelle Verwendung von Cannabis in einigen hinduistischen Gruppierungen bei Festen wie der Durga Puja oder dem Frühlingsfest Holi. Hindu-Asketen rauchen die heilige Pflanze zu Ehren des Gottes Shiva. Bekannt ist die kultische Verwendung von Cannabis in der jamaikanischen Religion der Rastafaris. Unter Rastas wird Cannabis sowohl von Individuen geraucht als auch von Gruppen in einer ritualisierten Weise, wo der spliff („joint“ – die klassische selbst gedrehte „Haschischzigarette“) und der chalice (ein Art Pfeife) zeremoniell angezündet und als eine Art „Kommunion“ geteilt werden.

 

Eine andere psychoaktive Substanz, der Peyote-Kaktus, wird in den Ritualen der Native American Church, einem sogenannten „pantribalen“ Kult (= Ethnien-übergreifend bei nordamerikanischen Indigenen verbreitet), in nächtlichen Ritualen verspeist, die durchaus christlich überformt sind. Im „Ghost Dance“, einem um 1870 entstandenen, von der US-Regierung unterdrückten pantribalen Kult ist die Trance, in der die Geister der Ahnen getroffen wurden, hingegen durch lange Tänze herbeigeführt worden. Bei einigen indigenen Völkern Nordamerikas hat es den Brauch der „Visionssuche“ gegeben, wobei es auch üblich war, halluzinogene Drogen zu Hilfe zu nehmen, etwa den Stechapfel (z. B. bei den Chumash im Santa Barbara-Gebiet).

 

Wahre Mystik?

 

Ein Blick in die ältere europäische Religionsgeschichte zeigt uns nicht nur die mit dem Wein verbundene Gottheit Dionysos, für den bei den Anthesterien, einem Fest des neuen Weines, in für das antike Griechenland unüblicher Weise unvermischter Wein in großen Mengen getrunken wurde, sondern auch die Vegetationsgöttin Demeter, zu deren Attributen der Mohn gehörte, was auf Opiumgebrauch verweisen kann. In der Literatur halten sich Spekulationen über die Verwendung von Mutterkorn als Halluzinogen in den eleusinischen Mysterien zu Ehren Demeters. In der neueren Religionsgeschichte finden wir die psychedelische Bewegung, die halluzinogene Substanzen in religiöser Absicht verwendet.

 

Zeigt dieser knappe Überblick die weite Verbreitung von Techniken der Ekstase in den Religionen, bleibt die Frage, ob man durch verschiedene Techniken bewusst herbeigeführte Trancen als ernsthafte religiöse Erlebnisse bezeichnen kann oder diese von „wahrer Mystik“ unterscheiden sollte. Religionswissenschaftlich betrachtet gibt es keinen Grund, eine tranceinduzierende Maßnahme, die auf religiöses Erleben zielt, und sei es mittels der Einnahme psychoaktiver Substanzen, aus dem Gegenstandsbereich „Religion“ zu verweisen.

 

 

Dr. Hans Gerald Hödl ist Außerordentlicher Professor für Religionswissenschaften an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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