Mag. Lukas Cioni
Redaktionsleiter / Chef vom Dienst
miteinander-Magazin
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Sieben Jahre lang habe ich mit meiner heutigen Frau eine Fernbeziehung geführt. Sie in Österreich, ich in Deutschland. Sie knapp vor der Matura, ich knapp vor dem Studium. Das war Mitte der 1990er-Jahre. Im Rückblick eine Zeit wie aus einer anderen Zeit. Denn die Kommunikation bestand aus sehr vielen, fast täglichen Briefen und zugleich sehr wenigen Telefonaten. WhatsApp oder FaceTime waren noch nicht erfunden, Briefe wurden auf den Knien im Bus, in Seminaren oder mit den analogen Papierfotos des letzten Besuchs vor
sich handgeschrieben.
Telefonkarten-Guthaben waren der Goldstandard der „wirklichen“ Gespräche. Keine Sorge, das wird keine verklärte „Altherren“-Nostalgie, die die gute alte Zeit beschwört – zu präsent ist mir dafür noch der Schmerz der vielen Abschiede, der bangen Frage, wo das denn alles hinführen möge. Aber gerade im Rückblick fällt mir doch auf, wie stark sich die Art unserer Kommunikation verändert, beschleunigt und wohl auch ein wenig verloren hat. Wer nicht binnen weniger Minuten nauf eine WhatsApp-Nachricht oder Mail antwortet, wird nicht selten mit einem „Halllooo, lebst du noch …?“ konfrontiert.
"Zwischen den Zeilen ist kein luftleerer Raum. Dort entscheidet sich, was wir aus den nüchternen Botschaften herauslesen."
Zugleich sorgt die nervöse Durchpulsung des Alltags mit Kurznachrichten für unzählige Missverständnisse: Wer kennt nicht die Versuchung, auf eventuell doppeldeutige Nachrichten gleich mit einer scharfen oder bemüht ironischen Bemerkung zu reagieren – nur um darauf noch mehr Missverständnisse zu ernten? Kurzum: Unsere enorm beschleunigten Lebens- und Kommunikationsverhältnisse verlangen ein hohes Maß an Kompetenz, die Botschaften zwischen den Zeilen zu lesen. Wo dies nicht gelingt, entstehen Missverständnisse, Empörung, ja, Aggression. Aus Hunderten Briefen – gelesenen wie geschriebenen – weiß ich heute: Zwischen den Zeilen ist kein luftleerer Raum. Im Gegenteil: Dort entscheidet sich, was wir aus den bloßen Buchstaben, den nüchternen Botschaftern unserer Geschichten, herauslesen. Denn zwischen den Zeilen sortieren wir unsere sozialen Bindungen. Es ist der Ort jener Selbstverständlichkeiten, die sich in persönlichen Begegnungen, in Freundschaften und in Liebe ausbilden. Der Ort, an dem man sich blind versteht. Heute schreibe ich meiner Frau keine Briefe mehr. Leider. Und zugleich zum Glück. Denn das Leben hat uns nicht losgelassen, sondern zusammengeführt. Aber bei jeder WhatsApp-Nachricht, bei jedem noch so kleinen digitalen Fragment bin ich doch dankbar dafür, den Schatz zwischen den (Brief-)Zeilen entdeckt zu haben. Er trägt. Bis heute.
miteinander-Chefredakteur Dr. Henning Klingen